Leseprobe aus "Schäbige Schriften ..."
Brutale Idylle
Hermann Löns: Der Wehrwolf, 1913
Hermann Löns - geboren in Westpreußen, aufgewachsen in Pommern - gilt auch heute noch als der Dichter der Lüneburger Heide.
Bekannt wurde er vor allem durch populärwissenschaftliche Tiergeschichten, die noch heute deutschen Jägern die Begründung
dafür liefern, warum es ziemlich cool und total wichtig ist, Rehe über den Haufen zu schießen. Dazu kommen noch diverse, für
die Tagespresse geschriebene, Glossen und Gedichte sowie Balladen und sogenannte "Volkslieder", wie z.B. das gerne auf
Schützenfesten gegrölte "Auf der Lüneburger Heide" - wenn der Alkoholpegel allzu hoch ist, was auf derartigen Festivitäten
die Regel ohne Ausnahme ist, reicht es allerdings zumeist nur noch für den Primitivkanon "Hermann Löns, die Heide brennt".
Und nicht zuletzt avancierte er zu einem Ahnherrn des Umwelt- und Naturschutzes, indem er Plädoyers für den Erhalt der
Kulturlandschaft Lüneburger Heide verfasste.
Seinen eigentlichen Ruhm erlangte der Wahlniedersachse Löns allerdings durch seinen dritten Roman "Der Wehrwolf". In dieser
monströsen (Abenteuer-)Geschichte, die im Dreißigjährigen Krieg angesiedelt ist, wird beschrieben, wie sich ein Geheimbund
von Bauern bildet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, jeden zu erschlagen, der sich in die Nähe ihrer schäbigen Dörfer
verirrt, dazu gehören anfangs vor allem marodierende Söldner sowie gerne sogenannte "Tatern" - gemeint sind damit "Zigeuner".
Im Laufe der "Bauernchronik" eskaliert die Situation zusehends, Löns steigerte sich während des Schreibens in einen wahren
Blutrausch, am Ende wird in dem Buch auf alles Jagd gemacht, was zwei Beine hat - auch Bauern, die aus anderen Landstrichen
Deutschlands flüchten müssen, werden umgebracht, was jedoch keinesfalls als kosmopolitischer Universalismus (im Tod sind alle
gleich...) missverstanden werden sollte. Denn diese Leute haben schließlich selber schuld, warum lassen sie sich auch alles
wegnehmen, zudem sie sich ja auch von besagten "Tatern" haben (ver)führen lassen. Hier vereinigten sich bürgerliche
Ressentiments des Möchtegerndandys Löns, der sich als Journalist in Hannover für das preußische Dreiklassenwahlrecht
einsetzte, mit dem provinziellen Rassismus des niedersächsischen Heimatdichters, weshalb in seinem Roman nur besitzende
Bauern Mitglied des Geheimbundes werden dürfen. Folgerichtig stellte er in einem Brief an seinen Verleger Eugen Diederichs
deshalb auch fest, dass "sich der ganze Roman um die Erhaltung des Eigenbesitzes dreht".
Ebenfalls in einem Brief an Diederichs schreibt Löns jedoch auch, dass "Der Wehrwolf" "ein urdeutsch aristokratischer Roman,
aristokratisch im Rassensinne genommen" sei. Gleich zu Beginn des Buches - eine reichlich fiktive Besiedlungsgeschichte der
Heide wird dort geschildert - ist von "ein paar armseligen Wilden" die Rede, die von überlegenen Menschen mit "blanke(n)
Gesichter(n) und gelbe(m) Haar)" vertrieben werden. Nachdem ein wenig über die Schlacht im Teutoburger Wald, Herzog Widukind
und ähnlichen deutschnationalen Mythen schwadroniert wird, kommt die Story im Dreißigjährigen Krieg an. Die Fremden -
Ausländer, Zigeuner und Juden -, durch Physiognomie und Namensgebung als solche erkennbar gemacht, werden u.a. als
"Ungeziefer", "Läuse" und "Flöhe" bezeichnet - der eliminatorische Rassismus, wie er später im Nationalsozialismus Gestalt
gewann, kündigte sich hier schon an. Das Töten dieser Menschen sei richtig, argumentiert einer der bäuerlichen Protagonisten,
"denn erstens sind es keine richtigen Menschen, und außerdem, warum bleiben sie nicht, wo sie hingehören?"
Die Lichtgestalt des Romans, Harm Wulf, wird des Mordens zunehmend überdrüssig, was ihn nicht davon abhält, kräftig mit zu
töten. Dieser Unwille darf auch keineswegs als versteckter Pazifismus interpretiert werden, schließlich behauptete noch jede
kriegsführende Partei, sich verteidigen zu müssen - "Seit 4.45 Uhr wird zurückgeschossen" hieß es bekanntermaßen auch zu
Beginn des 2. Weltkriegs. Ganz im Gegenteil: das Morden wird entweder als ein großer Spaß oder aber als gottgefällige Arbeit,
die nun mal getan werden muss, dargestellt. Selbst mir, der ich nicht gerade zimperlich bin in Bezug auf literarische
Gewaltdarstellungen, wurde das Gesplattere bald zuviel - Seiten über Seiten wird erschlagen, erstochen und gehängt -, so dass
man tatsächlich beginnt, den Westfälischen Frieden und damit das Ende des Krieges herbeizusehnen. Im scharfen Kontrast zu
diesem nicht enden wollenden Blutvergießen steht das idyllische Leben in der Heide, was sich vor allem in einem intakten
Familienleben äußert, zumindest wenn man das Dasein ständig gebärender Frauen für idyllisch hält. Die Männer sind
dementsprechend promiskuitiv (die bürgerliche Doppelmoral lässt grüßen) - entweder innerhalb der Ehe, wie Harm Wulf, der drei
Frauen verschleißt oder auch außerhalb, wie "Viekenludolf", der anscheinend versucht, seinen Samen in ganz Norddeutschland zu
verbreiten. Idylle und Brutalität werden hier komplementär verstanden - beide sind absolut notwendig und unverzichtbar.
Während der zwei Wochen, in denen das Prä-Blut-und-Boden-Machwerk entsteht, steigert sich Löns immer mehr in die Geschichte
hinein: "Er hatte sich eingeschlossen, rauchte und schrieb ununterbrochen, tage- und nächtelang, ohne zu essen und ohne zu
schlafen. Seine Angehörigen wußten sich keinen Rat mehr und fürchteten das Schlimmste. Als ihm zugerufen wurde, daß ich da
sei, stürzte er aus seinem Zimmer und fiel mir weinend um den Hals. Er schien ein vibrierendes Nervenbündel, und in
furchtbarster Aufregung erzählte er mir, sich übersteigernd, von seinem Werk und las mir daraus vor," erinnerte sich ein enger
Freund von ihm, der Maler Hermann Knottnerus-Meyer.
Dieses Verwischen von Realität und Phantasie geht so weit, dass Löns für seinen Roman ein Vorwort schreibt, in dem er
behauptet, Harm Wulf selbst zu sein: "Diese Geschichte ist wahr, ich habe alles erlebt, was darin zu lesen ist. Das ist schon
sehr lange her, beinahe dreihundert Jahre, als ich noch nicht der war, der ich heute bin; aber erlebt habe ich das alles, das
steht fest, denn sonst hätte ich darüber nicht schreiben können." Dieser verblüffenden Logik will sein Verleger Eugen
Diederichs jedoch nicht folgen und verzichtet auf den Abdruck des Vorwortes, der wahrscheinlich zu unangenehmen Fragen in
Bezug auf den Geisteszustand des Autoren geführt hätte.
Wie ernst Löns sein Werk nimmt - er bezeichnet es als sein "Kriegsbuch" - stellt er gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges unter
Beweis. Umgehend nach Beginn desselben meldet er sich als Kriegsfreiwilliger und wird auch recht bald zum Märtyrer, da er
schon nach wenigen Wochen "im Kampfe fällt", wie es so schön heißt.
Schon vor dem ersten Weltkrieg gab es deutliche Anzeichen für ein Erstarken konservativer, d.h. antimodernistischer und
kulturpessimistischer, Ideen. Neben dem Löns-Verleger Eugen Diederichs - dem wichtigsten Protegé jugendbewegter und
neuromantischer Literatur - sind hier noch Paul de Lagarde - der für die Verbreitung antisemitischer Vorstellungen
verantwortlich war, der Münchner Professor W.H. Riehl - der das Bauerntum romantisierte und Julius Langbehn zu nennen, dessen
wichtigstes (und extrem erfolgreiches Buch) "Rembrandt als Erzieher" eigentlich auch gute Chancen auf einen eigenen Artikel
in diesem Band hier hätte.
In der Weimarer Republik erlebte "Der Wehrwolf" immer neue Auflagen und genoss insbesondere in der völkischen Bewegung
Kultstatus. Auch im Dritten Reich wurde es gerne gelesen, noch kurz vor Kriegsende wurde es in einer Massenauflage gedruckt,
um als Propagandaschrift für die Partisanenorganisation "Werwolf" zu dienen. Bomber Harris und seinen Kameraden sei Dank
verbrannte jedoch fast die gesamte Auflage, wie auch der besagten Terrorgruppe kein Glück beschieden war, da niemand so
richtig mitmachen wollte. Der Deutsche - ganz autoritärer Charakter - hielt und hält sich immer an die jeweiligen Machthaber
und die von ihnen ausgeübte Staatsgewalt. Eine Steilvorlage für mordende Neonazis bildet das Teil jedoch immer noch, auch
wenn diese keineswegs darauf angewiesen sind, sich von einem Schriftsteller (wer liest schon Bücher?) sagen zu lassen, wie
man Zigeuner umbringt. Das können sie auch alleine.
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