Leseprobe aus "Akten und andere realistische Wahnvorstellungen"




Sinnsuche

Seine Sinnsuche verlief relativ erfolglos:
Von seinem Psychotherapeuten wurde er an eine Selbsterfahrungsgruppe sexuell interessierter Männer verwiesen. An dieser nahm er allerdings nicht allzulange teil, da er den Gesprächskreis mit seinen endlosen Monologen über sein nicht vorhandenes Sexualleben dermaßen langweilte, dass die übrigen Teilnehmer sich genötigt sahen, die Einladung zum wöchentlichen Treffen mit Yogi-Tee und selbstgebackenem Kuchen kollektiv zu ignorieren.
Immerhin machte er bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft von Heinz, der diesen einfallslosen, aber seinem Naturell entsprechenden Namen am Wochenende sowie beim alljährlichen Pfingsttreffen an den Externsteinen mit dem Namen Gargamel vertauschte, den er für sehr mystisch hielt, ohne dass ihm bewusst wurde, dass er ihn der beliebten Fernsehserie "Die Schlümpfe" entlehnt hatte.
Gemeinsam gingen sie nun regelmäßig zum Treffen des Wicca-Ordens "Der heilige Gehörnte". Das dort angepriesene Matriarchat entsprach allerdings nicht den Vorstellungen Peters, der von Dominas geleitete Orgien erwartet hatte und keine, ihre Menstruation bewusst erlebenden, Steuerfachgehilfinnen.
Zum einzigen erotischen Erlebnis kam es bei einem Wochenendseminar auf einer Nordseehallig, und zwar als Sieglinde, deren bürgerlicher und Ordensname identisch war, einen romantischen Augenblick am abendlichen Lagerfeuer ausnutzte, um sich unsterblich in Peter zu verlieben - eine Liebe, die er bedauerlicherweise nicht erwidern konnte.
Da das Seminar - wie gesagt - auf einer nur wenige Fluchtmöglichkeiten bietenden Nordseehallig stattfand, musste er sich ihrer plumpen Annäherungsversuche ein ganzes Wochenende lang erwehren - fatalerweise dank einer von allen Beteiligten als existentielles Erlebnis gepriesenen Sturmflut sogar einige - für Peter schier ewig währende - Tage länger. Peters existentielles Erlebnis bestand darin, dass er als Nichtschwimmer um sein kurzfristig liebgewordenes, wenn auch sinnmäßig nicht erfasstes, Leben bangte.
Nach diesen enttäuschenden Erlebnissen trat er die Flucht nach vorn an und drang tiefer in das weite Feld der Esoterik ein: die Seancen, schwarzen Messen und Sitzungen, in denen er als Medium für Psychokinese und Gedankenübertragung diente, erbrachten jedoch nicht die gewünschten Ergebnisse.
Die von ihm begehrte Partnerin in den Telepathie-Experimenten erriet seine durch Hormonschwankungen getrübten Gedanken keineswegs, sondern brabbelte Geburtsdaten französischer Könige aus sich heraus und behauptete, dies wären seine - Peters - Erinnerungen an frühere Leben, was dieser jedoch energisch bestritt.
Derart geprägt begann er am Sinn von Wiedergeburten zu zweifeln, da er nicht einsah, warum er sein, ihn maßlos langweilendes, Leben noch öfter wiederholen sollte.
Das brachte ihn auf die Idee, seinem Dasein einen speziellen Kick im Sinne von Freiheit und Abenteuer zu geben. Seine Teilnahme an der Camel-Trophy wurde aber aufgrund der Tatsache abgelehnt, dass es sich bei Peter um einen Brillenträger handelte, was er schon bedauert hatte, als er in seiner Schulzeit als "Vierauge" bezeichnet worden war. Er konnte sich damals für diese Beleidigungen noch nicht einmal rächen, da er mit der Bemerkung "Ich schlage keine Brillenträger" abqualifiziert wurde, und seine Versuche, ohne Brille zu kämpfen, erfolglos - da blind - verliefen.
Nun fasste er den Beschluss, erst einmal klein anzufangen und sich am beliebten Volksbrauch des Bungeejumping zu beteiligen, wozu er übrigens seine Brille abzusetzen hatte. Dies erleichterte es immens, sich den Turm hinunterzustürzen, da er keineswegs schwindelfrei war und ihm nicht daran lag, den Betonboden unter sich zu sehen.
Die kirmesartige Atmosphäre dieses Unternehmens frustrierte den Helden unserer Geschichte allerdings sehr, so dass er sich für ein paar Tage in sein verdunkeltes, nur durch multikulturelle Räucherkerzen erhelltes Wohn-Klo-Appartment zurückzog.
In diesen durchwachten Tagen und Nächten näherte er sich bedenklich nihilistischen Positionen, und er beschloss, den Wahrheitsgehalt dieser Überlegungen zu prüfen, indem er etwas tat, womit er alle Werte negierte, mit denen er Zeit seines Lebens infiltriert worden war.
Es war ein schöner Frühlingsmorgen und Peter hätte gern ein Eis gegessen und sich am Brunnen seiner Heimatstadt niedergelassen, um dem geschäftigen Treiben in der Fußgängerzone zuzusehen, aber unglücklicherweise war sein Plan gereift und der Entschluss gefasst.
Der Kindergarten befand sich in der Martin-Luther-Straße und war somit bequem in einem kurzen Fußmarsch von seiner Wohnung aus zu erreichen.
Die Schüsse aus dem Schnellfeuergewehr streckten sowohl einige Kinder als auch die dazugehörigen Gärtnerinnen zu Boden. Die unterbezahlten Raumpflegerinnen würden einige Mühe haben, diese Sauerei wieder sauber zu kriegen, dachte Peter in einem Anflug des Bedauerns, aber auch die heraneilenden und ihn erschießenden Polizeibeamten konnten ihn nun nicht mehr von seiner Überzeugung abbringen, dass Sinnlosigkeit das entscheidende Merkmal menschlicher Existenz sei.
Unglücklicherweise erwies sich die Annahme, dass diese Sinnlosigkeit nicht auch noch multipliziert werden könne, als irrig, denn zeitgleich mit seinem Ableben wurde Peter als Peter (sprich Pieter) wiedergeboren und zwar in einer Kleinstadt im US- Staat Maine, dessen Bedeutungslosigkeit ich verdeutlichen möchte, indem ich vorgebe, mir den Namen dieser Ortschaft nicht vergegenwärtigen zu können.
In einigen Jahren wird eine Highschool in der besagten amerikanischen Kleinstadt Schauplatz eines brutalen, den gesunden Menschenverstand sprengenden Verbrechens werden ...


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